Grüne (braune) Hölle - die Kyll im August 2017

Le Kyll

Unverhofft kommt oft – und so ging es letzten Sonntag einigermaßen spontan geplant mit meinem Fliegenfischen-Kumpel Johannes an die Kyll bei Fließem. Ich war nach meinem letzten sehr enttäuschendem Tripp an den Glan eine Woche zuvor recht gelassen was meine Erwartungen angeht, aber letztlich ist die Kyll ja nicht irgendein Flüsschen sondern rein fliegenfischen-technisch eines der Top-Gewässer in Deutschland. Zumindest in meinem Umkreis, wohne ja nicht in Bayern sondern in Mainz. So ganz ohne Ansprüche geht’s dann halt eben doch nicht. Jedoch waren die Fakten rund um das viele Wasser-von-oben der letzten Wochen doch ein ein bisschen gegen uns: Etwas überhöhter Pegel und, damit einhergehend, eine braune Brühe ohne große Sichtweite. Was einerseits das Fischen erschwert da die Fische sich optisch orientieren, ihr Verhaltensrepertoire auch ans Hochwasser anpassen und andererseits auch das Waten teilweise unmöglich macht, da ohne visuellen Grundkontakt es immer ein Risiko ist im Wasser rumzulaufen.

Nach gemütlichen knappen zwei Stunden Fahrt über die Hunsrück-Höhenstraße gab es den Schein gegen 10 Uhr in einem Gasthof, eine knappe Stunde später stiefelten wir vom Gelände des hiesigen Angelvereins los an die Kyll. Und es bewahrheitete sich sofort: Der Fluß war braun gefärbt, voller Schwebstoffe. Johannes knüpfte gleich einen Streamer an, ich probierte es erstmal mit einer Nymphe. Aber unabhängig vom Wasser: Was eine Gegend. Schon die Fahrt zum Angelverein ein Genuß, durch die Eifeler Natur ging es serpentinenartig über Waldwege zu einer tief im Blätterdach versteckten Mühle, von Großstadtlärm und unnatürlichen Geräuschen jeder Art keine Spur. Kein Flugzeug, keine Straßengeräusche, keine Autos, keine Menschen, einfach nichts. Seltsam dass es einem schon fast unnatürlich vorkommt, aber in den Genuß der absoluten Stille komme ich wirklich selten. Hier rauschte nur die Kyll an uns vorbei, das war’s. Also ehrlich gesagt war es mir von Anfang an recht egal ob wir heute Glück haben würden oder nicht, ich fand den Fluß in seinem natürlichen Lauf vor mir und die Natur um mich herum schon wirklich toll und sehr beeindruckend.

Aber schon nach ersten Orientierungen am Wasser und wenigen halben Stunden zappelte eine erste Fario an Johannes Leine. Okay, ein alter Hase, der musste wissen wie es geht. Ich hab mich dann auch für den Streamer entschieden – oder besser mich an der Erfolgsmethode vom Joahnnes orientiert – ein klassischer Wooly Bugger musste herhalten. Eigentlich doch der einzige Streamer den man so fischt, ich zumindest. Beschwert geht es für ihn auch mal tief runter, und vom Muster her nix exerimentelles, zudem in der trüben Brühe in schwarz gut zu sehen. Bin ja eigentlich kein Streamerfreund, es hat von allen Methoden am ehesten Verwandschaft zur „normalen“ Fischerei auf Raubfisch, aber bei den Gegebenheiten am Wasser am Ende die einzige Möglichkeit doch noch eine Fario an die Leine zu bekommen. Und tatsächlich, mein Aha-Erlebnis sollte kommen. Bevor man an dieser Strecke jedoch zum fischen kommt muss man sich erstmal durchschlagen. Es ist wie so oft im Sommer, die Ufervegetation ist unfassbar. Und eigentlich stimmt „so oft“ so gar nicht, hatten die anderen Strecken der letzten Wochen von der Natur her im Vergleich zu dieser hier so wenig zu bieten.

Dieser Abschnitt der Kyll war die grüne Hölle. Eine Machete hätte durchaus Sinn ergeben. Es gab phasenweise Wege, die man nach wenigen Minuten aufgeben musste. Also besser gesagt gab es phasenweise bis nie gar keine Wege, sondern man musste sich zwischen wildem Rhabarber zur Rechten und Brennnesselwald zur Linken entscheiden. Und während man sich durchschlägt, wird die vor einem liegende Natur immer dichter und dichter und endet nach und nach in einer grünen undurchdringlichen Wand. Rechts also eine Wand aus gekrümmten Kyll-Reet, links die Kyll die offensichtlich schon im Uferbereich zu tief ist um den Weg im Wasser fortzusetzen. Es sei dem nichtfliegenfischendem interessierten Naturmenschen mal ans Herz gelegt, sich an entlegenen Flussläufen in die Natur zu begeben! Vor meiner Laufbahn als Fliegenfischer hab ich jedenfalls sowas noch nicht gesehen. Wenn dann noch der Eisvogel vorbeikommt ist es eh rum. Aber egal, zurück zu den Fischen. Irgendwann nach der Suche eines Pfades – und sich durch die Natur zu kämpfen ist ja keinesfalls frustrierend sondern Teil des Abenteuers – stand ich also recht optimal im Fluss, gemächlich floss die Kyll in oberschenkeltiefen Wasser an mir vorbei, gegenüber eine verlockende Stelle mit Totholz und überhängendem Bäumen im Wasser. Stille, Streamer aufgeknüft und ins Wasser gleiten lassen, ein paar Meter Schnur für den Wurf abziehen und laufen lassen, Rollwurf nach gegenüber…und da, ein Anfasser. Mein erster Kontakt, kommt schon gut nach so einer Naturpackung. Hab den Wooly Bugger gleich wieder zur anderen Uferseite befördert, ein bisserl nach dem Eintauchen eingestrippt und plötzlich, woohhhm, eine heftige Attacke und eine offensichtlich gute Forelle am Haken. Das sind Momente, für die steht man eben gern um sechs Uhr auf und fährt immer mal wieder 200km durch die Weltgeschichte. Trotz recht turbolentem Drill sollte mich diese Stelle aber noch ein bisschen länger fesseln, denn nach mehrmaligen Versuchen auf der gegenüberliegenden Seite zeigte sich eine aggressive Fario direkt im Hauptstrom immer und immer wieder sehr interessiert an meinem Wooly Bugger. Sie attackierte bestimmt fünfmal meinen Streamer nach dem drüber-strippen über ihren Standplatz, schwamm hinterher und hinterließ wenige Zentimeter hinter dem Streamer einen wütenden Schwall auf dem Wasser. Aber sie nahm ihn nicht. Es war sehr spannend zu sehen wie sie plötzlich aus dem tiefen Braun des Wassers nach oben schoss und immer wieder eine Attacke startete. Nach ein paar Minuten war aber Schluß, offensichtlich hatte sie das Spiel durchschaut und bemühte sich nicht mehr. Schade. Ich wechselte zu olivgrün, und schon beim ersten drüber-strippen riss sie den Streamer sehr oberflächennah mit in die Tiefe. Ich hab sie wieder schwimmen lassen, sie erschien mir für den Streamer doch eine Nummer zu klein. Tja..und wie es leider häufig so ist mit den richtig Guten, Großen, Kapitalen…die verliert man immer. Die Psychologie sagt das einem konsequent, verliert man mal einen Fisch in den ersten Sekunden, aber diesmal war es wieder soweit. Er, der Fisch, kam zwar in seiner Erscheinung und dem Kontakt nicht an meine Murg-Forelle vor eineinhalb Jahren heran (Ich bin sicher, das war ein Biest! Denke immer noch ab und an an dieses Erlebnis im Sommer 2015), aber immerhin hatte ich nach ca einsekündigem Kontakt und gutem Druck auf der Leine außer einem zerfasertem Vorfach und einem visuellem Eindruck unterm Busch gegenüber keine Maßstäbe zur Hand. Und damit kann ich meinen Eintrag hier schon fast abschließen. Ich fing noch eine sehr gute Forelle an anderer Stelle: Auf den ersten Wurf nachdem ich im Wasser stehend ein komplett neues Gezogenes inklusive Pitzenbauer anknotete. Auch Momente die es nicht oft gibt, da knotet man gute 10 Minuten im Wasser stehend rum, macht alles ab, macht alles dran, wirft und hat plötzlich einen guten Fisch am Band…jedoch mag ich logischerweise den bewusst gefangenen Fisch lieber, der in der Konzentration auf Wurf, Leine, Vorfach, Fliege führen und Schnurkontakt plötzlich da ist, als eben den Zufallsfisch. Aber es war der Größte des Tages, auch der Drill im schnellen flacheren Wasser war durchaus fordernd.

Also zweiter Versuch des Abschlusses: Die Kyll bei Fließem ist unfassbar schön. Ich freue mich wirklich schon sehr, diese Strecke bei klarem Wasser noch einmal zu befischen, mehr klassisch, weniger strippen und mehr präsentieren. Wie mein Freund Bernard aus Frankreich immer zu sagen pflegt, Fliegenfischen ist ein Genuß. Und hier stimmt es, trotz des trüben Wassers.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.